Ingo Friedrich

Zolleinigung mit den USA – Fiasko oder Fortschritt?

Wenn man einmal nüchtern die Konsequenzen der kürzlich verabschiedeten europäisch-amerikanischen Einigung im Zollstreit analysiert, dann erkennt man sehr schnell die wichtigen zu erwartenden Entwicklungen:

Das immense Handelsbilanzdefizit der USA (ca 1.200 Milliarden Dollar pro Jahr!) wird ebenso ein bisschen schrumpfen wie das jährliche Haushaltsdefizit der USA (ebenfalls ca 1.200 Milliarden Dollar!). Bezahlt wird diese relativ kleine  „Verbesserung“ primär von den amerikanischen Verbrauchern (durch höhere Preise) und mittelbar durch die europäischen Zulieferer, die aufgrund der neuen Zölle (15 Prozent Zoll auf die meisten Produkte) weniger Waren in die USA liefern werden. Praktisch bedeutet dieser Deal ein Minus für alle.

Die europäische Zusage, in den USA Energieprodukte im Wert von 750 Mrd Dollar (3x 250 Mrd Dollar pro Jahr) zu kaufen ist eine reine Absichtserklärung, die nirgends eingeklagt werden kann. Ähnliches gilt für die europäischen Zusagen,  für 600 Mrd Investitionen in den USA zu tätigen und im „beträchtlichen Maß“ Militärprodukte zu kaufen.
Für Trump und seine Anhänger kann dieses Ergebnis sicher als großer Erfolg dargestellt werden. Aber unter dem Strich schaden diese neuen Zölle allen Beteiligten sowohl in den USA als auch in Europa. Außerdem betrachten viele Fachleute und Experten die erzielten Vereinbarungen als sehr unpräzise und weithin interpretationsbedürftig.

Maßgeblich scheint mir zu sein, dass damit wenigstens ein Handelskrieg zwischen Europa und den USA mit unkalkulierbaren Folgen vermieden werden konnte. Das bietet wenigstens eine gewisse Basis von Planungssicherheit für die vielen europäischen Exportfirmen, die durch die erratische Politik von US-Präsident Trump ohnehin „am Rande der Verzweiflung“  stehen. Außerdem wurde damit das amerikanische Wegdriften aus der NATO zumindest für absehbare Zeit vermieden.

Für die Menschen in Europa und Amerika insgesamt wäre natürlich eine transatlantische Freihandelszone – also gar keine Zölle – der Idealfall. Eine solche Freihandelszone zwischen USA und Europa würde sowohl in den USA als auch in Europa die Wettbewerbsfähigkeit fördern, für die Verbraucher die Preise senken und sie wäre wirtschaftlich unschlagbar die Nr. 1 in der Welt. Wenn diese Freihandelszone dann auch noch militärisch an einem Strang ziehen würde, wäre sie als Friedensmacht mit über 800 Millionen Bürgern praktisch nicht mehr angreifbar. Das wäre eine Perspektive, die einem großen Präsidenten gut zu Gesicht stünde.

Eigentlich müsste der derzeitige amerikanische Präsident nur im Geschichtsbuch nachschauen um eine solche Perspektive zu finden: Einer seiner Vorgänger, Präsident William McKinley erklärte bereits am 5. September 1901: „Die Zeit der Abschottung ist vorbei. Die Ausweitung unseres Handels…..ist drängende Aufgabe. Handelskriege sind unrentabel.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ihr

Dr. Ingo Friedrich